Was ist Anismus? Ist die Stuhlentleerungsstörung psychisch oder muskulär bedingt?

Was ist Anismus? Ist die Stuhlentleerungsstörung psychisch oder muskulär bedingt?

„Ich sitze auf der Toilette, presse, aber es klappt nicht.“
„Ich bin seit Tagen verstopft, nehme Medikamente und tue mich trotzdem schwer.“
„Mein Arzt meinte, es könne psychisch sein, aber ich habe das Gefühl, dass sich mein Darm nie richtig entleert."

Wenn Ihnen das bekannt vorkommt, liegt das Problem möglicherweise nicht nur am Darm.
Bei manchen Formen der Verstopfung besteht das eigentliche Problem darin, dass die Beckenbodenmuskulatur auf der Toilette falsch arbeitet. Dieser Zustand wird Anismus (dyssynerge Defäkation) genannt.

In diesem Beitrag klären wir:

  • Was ist Anismus?
  • Ist die Stuhlentleerungsstörung psychisch oder muskulär bedingt?
  • Welche Symptome hat Anismus?
  • Wie wird er diagnostiziert?
  • Welche Behandlung ist am wirksamsten?
  • Welche Fehler werden zu Hause gemacht?

Was ist Anismus (dyssynerge Defäkation)?

Beim Anismus spannt sich die Beckenbodenmuskulatur beim Stuhlgang an, statt sich zu entspannen, oder sie kann sich nicht ausreichend entspannen.
Das heißt: Der Darm ist gefüllt, und es besteht Stuhldrang. Doch das Ausgangstor (Beckenboden + analer Schließmuskel) bleibt im falschen Moment geschlossen.

Deshalb kommt es bei Betroffenen dazu, dass sie:

  • übermäßig pressen
  • ein Gefühl der „unvollständigen Entleerung“ haben
  • lange auf der Toilette sitzen
  • manchmal mit dem Finger nachhelfen müssen
  • mit der Zeit Beschwerden wie Schmerzen am After, Fissuren oder Hämorrhoiden entwickeln

Kurz gesagt: Anismus ist keine „Form der Verstopfung“, sondern eine Koordinationsstörung.

Ist die Stuhlentleerungsstörung psychisch oder muskulär bedingt?

Das ist die am häufigsten gestellte Frage. Die kurze Antwort:
Beides kann eine Rolle spielen, doch der Mechanismus des Anismus ist ein Problem der Muskelkoordination.

  • Welche Rolle spielen die Muskeln?: Beckenbodenmuskulatur und analer Schließmuskel können sich auf der Toilette nicht entspannen, obwohl sie es müssten.
  • Welche Rolle spielt das Nervensystem?: Scham, Angst, Zeitdruck und die Gewohnheit, sich auf der Toilette anzuspannen, verstärken dieses fehlerhafte Muster.

  • Welche Rolle spielt die Psyche?: Stress und das Bedürfnis nach Kontrolle erschweren es den Muskeln, sich zu entspannen.

Es als „rein psychisch“ zu bezeichnen, greift also zu kurz.
Das Problem ist eine gestörte Koordination von Gehirn, Muskeln und Atmung.

Welche Symptome hat Anismus?

Häufige Anzeichen bei Menschen mit Anismus:

  • Stuhlgang nur mit Pressen möglich
  • Langes Sitzen auf der Toilette
  • Gefühl der unvollständigen Entleerung
  • Häufiges Bedürfnis, auf die Toilette zu gehen
  • Schmerzen oder Brennen im Afterbereich
  • Keine Erleichterung trotz Medikamenten
  • Ständiges Wechseln der Sitzposition auf der Toilette

Hinweis: Wenn diese Beschwerden trotz ausreichender Ballaststoff- und Flüssigkeitszufuhr anhalten, sollte an ein mechanisches Problem der Muskelkoordination gedacht werden.

Wie wird Anismus diagnostiziert?

Die Diagnose wird in der Regel durch eine klinische Untersuchung + Funktionstests gestellt:

  • Beckenbodenuntersuchung: Entspannen sich die Muskeln bei simulierter Stuhlentleerung?
  • Anorektale Manometrie: Die Druckmuster werden gemessen
  • EMG-/Biofeedback-Untersuchung: Die Anspannungs- und Entspannungsaktivität der Muskeln wird beurteilt
  • Defäkographie (bei Bedarf): Liegt ein mechanisches Hindernis vor?

Entscheidend ist dabei:

„Nur Bildgebung“ reicht nicht aus, man muss sehen, wie die Muskeln tatsächlich arbeiten.

Behandlung von Anismus: Warum es darum geht, den Muskeln das Entspannen beizubringen – nicht das „Anspannen“

Der größte Fehler:

„Ich bin verstopft, also mache ich Kegel-Übungen.“

Beim Anismus besteht das Problem meist darin, dass sich ohnehin zu stark angespannte Muskeln auf der Toilette noch mehr anspannen.
Deshalb ist die Grundlage der Behandlung:

Beckenbodenphysiotherapie + Biofeedback

  • Sie lernen, sich im richtigen Moment zu entspannen
  • Die Koordination von Atmung, Zwerchfell und Beckenboden wird neu aufgebaut
  • Statt „Pressen mit Kraft“ wird Druckmanagement vermittelt
  • Sie erlernen die richtige Toilettenhaltung und passende Strategien

Medikamente allein lösen das Problem nicht

  • Stuhlweichmachende Abführmittel machen den Stuhl weicher
  • Doch wenn das Tor weiterhin geschlossen bleibt (die Beckenbodenmuskulatur also angespannt und verkrampft ist), bleibt die Entleerung schwierig

Eine Operation ist meist nicht nötig

Anismus ist ein funktionelles Problem, eine Operation ist nur selten angezeigt.

Die 7 häufigsten Fehler zu Hause

  1. Mit Pressen erzwingen wollen
  2. Lange mit dem Handy auf der Toilette sitzen
  3. Dauerhaft Medikamente nehmen, weil es „ohne nicht geht“
  4. Kegel-Übungen für die Lösung jeder Verstopfung halten
  5. Beim Pressen die Luft anhalten
  6. Die Sitzhaltung auf der Toilette nie anpassen
  7. Trotz Schmerzen weiter pressen

5 hilfreiche Schritte für zu Hause

  • Toilettenhaltung: Stellen Sie einen Hocker unter die Füße (der Hüft-Knie-Winkel ist wichtig)
  • Atmung: Halten Sie beim Pressen nicht die Luft an, versuchen Sie, mit langem Ausatmen zu entspannen
  • Zeitlimit ohne Zwang: Bleiben Sie nicht länger als 3–5 Minuten auf der Toilette
  • Regelmäßige Flüssigkeits- + Ballaststoffzufuhr: Halten Sie sie aber nicht für die „einzige Lösung“
  • Routine: Gewöhnen Sie sich an, täglich zu denselben Zeiten auf die Toilette zu gehen

Diese Maßnahmen unterstützen, doch die eigentliche Veränderung entsteht durch eine lernbasierte Rehabilitation.

Wann sollten Sie sich professionelle Hilfe holen?

  • Wenn die Verstopfung länger als 3 Monate andauert
  • Wenn Sie trotz Medikamenten keine Erleichterung spüren
  • Wenn sich Schmerzen am After, Fissuren oder Hämorrhoiden entwickelt haben
  • Wenn das Gefühl „mein Darm entleert sich nicht“ chronisch geworden ist
  • Wenn der Toilettengang Ihre Lebensqualität beeinträchtigt

Fazit: Anismus ist keine „Verstopfung“, sondern ein erlerntes muskuläres Fehlmuster

Anismus ist kein träger Darm.
Es handelt sich um ein erlerntes fehlerhaftes Muskelmuster, das sich mit dem richtigen Training korrigieren lässt.

Der richtige Ansatz:

  • Nicht die Muskeln noch stärker anspannen
  • Lernen, sie im richtigen Moment zu entspannen
  • Atmung, Haltung und Koordination zurückgewinnen
  • Funktionelles Neutraining mit Beckenbodenphysiotherapie

Wenn Sie Schwierigkeiten bei der Stuhlentleerung, chronische Verstopfung oder das Gefühl einer unvollständigen Darmentleerung haben oder lange auf der Toilette sitzen, wenden Sie sich unbedingt an eine Beckenbodenphysiotherapeutin oder einen Beckenbodenphysiotherapeuten.

Tuğçe Atalay

Autorin: , Fachphysiotherapeutin

Zuletzt aktualisiert:

Die Informationen auf dieser Seite dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine Diagnose oder Behandlung. Wenden Sie sich bei Beschwerden an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt und Ihre Physiotherapeutin oder Ihren Physiotherapeuten.

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