Vaginismus: Liegt das Problem in der Vagina oder im Gehirn?
Viele Frauen mit Vaginismus halten das Problem zunächst für etwas, das nur die Vagina betrifft, oder für ein rein psychisches Problem im Kopf. Wissenschaftlich betrachtet ist Vaginismus jedoch ein vielschichtiger Zustand, an dem das Zusammenspiel von Gehirn – Nervensystem – Beckenboden gemeinsam beteiligt ist.
Deshalb ist er nicht nur ein körperlicher, sondern auch ein neurophysiologischer und emotionaler Zustand.
Was bedeutet das genau?
Beim Vaginismus nimmt der Körper die Penetration als „Bedrohung“ wahr. Diese Bedrohung muss nicht bewusst sein.
Wenn das Gehirn sein Sicherheitsgefühl verliert, aktiviert es automatisch einen Schutzreflex.
Die deutlichsten Folgen dieses Reflexes sind:
- unwillkürliche Anspannung der Beckenbodenmuskulatur
- Brennen oder Schmerzen am Scheideneingang
- eine Rückzugsreaktion des Körpers
Eigentlich ist das Ziel, zu „schützen“. Es ist ein Abwehrmechanismus.
Der Muskel spannt sich also nicht an, „weil etwas kaputt ist“, sondern weil eine Bedrohung wahrgenommen wird.
Was ist der Brain-Body-Loop?
In den Neurowissenschaften spricht man hier vom Ansatz der „Threat Neuroscience“ (Neurowissenschaft der Bedrohung).
Das Gehirn kann aufgrund von Erfahrungen, erlernten Ängsten, traumatischen Assoziationen, Kultur und einschränkenden Botschaften über Sexualität eine Bedrohung wahrnehmen.
Wenn das Nervensystem diese Wahrnehmung erzeugt → spannt sich die Beckenbodenmuskulatur automatisch an.
Je länger dieser Kreislauf anhält, desto schwieriger wird die Penetration bei jedem Versuch, und die Erwartung von Schmerz löst den Schmerz immer schneller aus.
Man kann dies als Gehirn-Muskel-Emotions-Kreislauf bezeichnen.
Warum reicht eine Behandlung, die sich nur auf die Vagina oder nur auf die Psyche konzentriert, nicht aus?
Weil die Entspannung des Muskels allein den Kreislauf nicht durchbricht.
- Muskelentspannung + Körperwahrnehmung
- Integration von Atmung und Zwerchfell
- Regulation des Nervensystems
- Wiederaufbau des Sicherheitsgefühls
- Wiederherstellung der Beckenbodenfunktion
- Kommunikation mit dem Partner – Vertrauen
Erst wenn all dies zusammenkommt, ist die Behandlung wirksam.
Evidenzbasierte Ansätze empfehlen, Physiotherapie, Körperwahrnehmung, emotionale Unterstützung und kognitive Ansätze zu kombinieren. Studien haben gezeigt, dass ein multidisziplinärer Ansatz den Behandlungserfolg erhöht.
Fazit
Vaginismus ist weder nur eine „Verkrampfung der Vagina“ noch nur eine „psychische Angst“.
Das Problem liegt nicht nur im Kopf;
die Bedrohungswahrnehmung des Gehirns + der Schutzreflex des Nervensystems + die Reaktion der Beckenbodenmuskulatur wirken zusammen.
Und so wie dieser Kreislauf erlernt wurde, kann er auch wieder umgelernt, verändert und geheilt werden.
Bei Vaginismus arbeite ich mit dem Programm „Körperwahrnehmungsbasierte Beckenbodenphysiotherapie“. Ausführliche Informationen dazu finden Sie in meinem Beitrag zum Thema Vaginismus.
Autorin: Tuğçe Atalay, Fachphysiotherapeutin
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Die Informationen auf dieser Seite dienen der allgemeinen Information und ersetzen keine Diagnose oder Behandlung. Wenden Sie sich bei Beschwerden an Ihre Ärztin oder Ihren Arzt und Ihre Physiotherapeutin oder Ihren Physiotherapeuten.